Teure Kapitalwelt
Konjunktur
Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase, in der Kapital wieder einen Preis hat und die Schuldenberge vieler Staaten weiterwachsen. In den USA liegt die Staatsschuldenquote bei rund 124% des BIP, und der IWF erwartet bis 2030 kumulierte Haushaltsdefizite von über 13 Billionen US‑Dollar. Auch im Euroraum dürften die Staaten bis 2030 gut 3 Billionen Euro an neuen Schulden aufnehmen. Diese Kombination aus hohen Schulden und höheren Kapitalkosten prägt die teure Kapitalwelt und wirkt zunehmend auf Wachstum und Investitionen. Konjunkturell bleibt die Lage gemischt. In den USA stützt eine robuste Wirtschaft mit soliden Konsumausgaben und einem weiterhin starken Arbeitsmarkt das Wachstum, gleichzeitig beschleunigt sich die Teuerung: Der Preisindex des Privatkonsums (PCE) liegt 4.1% über dem Vorjahr, die Kernrate bei 3.4%. Der Energiepreisschock seit Beginn des Nahostkriegs schlägt inzwischen deutlich auf die Dienstleistungspreise, insbesondere auf Verkehrsdienstleistungen, durch. In Europa und der Schweiz ist die Dynamik verhaltener. Deutschland kämpft mit einer schwachen Industrie und einem stockenden Investitionsmotor, der Ifo‑Echtzeit‑Schätzer signalisiert für das dritte Quartal bereits wieder leicht negatives Wachstum. In der Schweiz bleibt die Konjunktur stabil; die sehr tiefen Renditen und der sichere Franken spiegeln ein Umfeld hoher Sicherheitspräferenz wider. Vor diesem Hintergrund stellt sich weniger die Frage, welche Schuldenlast sich Staaten theoretisch leisten können, sondern welche sie sich praktisch leisten wollen. Hohe Schulden engen den fiskalischen Spielraum ein, insbesondere bei gleichzeitig steigenden Ausgaben für Verteidigung und soziale Sicherungssysteme. Für die Konjunktur bedeutet dies: Der Spielraum für wachstumsstützende Massnahmen wird kleiner, die Bedeutung privater Investitionen und Produktivitätsfortschritte nimmt zu – ein zentrales Merkmal der teuren Kapitalwelt.

Aktien
Im Aktienbereich zeigt sich die Verteuerung von Kapital besonders deutlich in der Art, wie KI-Unternehmen an der Börse bewertet werden. Die KI‑Infrastrukturstory ist real: Halbleiter, Speicher, optische Komponenten und Rechenzentren verzeichnen starkes Umsatz- und Gewinnwachstum. Gleichzeitig sind Bewertungen in vielen Fällen sehr anspruchsvoll und schon leicht enttäuschende Nachrichten können zu deutlichen Kursrückschlägen führen. Hinzu kommt eine starke Marktkonzentration: Standardindizes, wie der MSCI Emerging Markets Index, tragen heute eine erhebliche Wette auf Technologie, Halbleiter und KI‑Infrastruktur, mit einer Gewichtung von rund 43%.

Den IT‑Sektor dominieren zudem die KI‑Unternehmen Samsung Electronics und SK Hynix aus Südkorea sowie Taiwan Semiconductor aus Taiwan, die zusammen knapp 29% des Index ausmachen. Wer den Markt mittels ETF kauft, ist damit zunehmend in einem engen Segment der Gewinner konzentriert. Zugleich zeigt sich, dass Aktien im Vermögensaufbau eine zentrale Rolle spielen. So lagen in Deutschland die von privaten Haushalten gehaltenen Aktien per Ende 2025 um 10.6% höher als im Vorjahr, während Spareinlagen kaum und Rentenwerte deutlich tiefere Renditen abwarfen. In einer teuren Kapitalwelt wird eine zu geringe Aktienquote damit zum strukturellen Nachteil. Für die Aktienanlage bedeutet dies: An der KI‑Entwicklung sollte man partizipieren, ohne das Portfolio darauf zu konzentrieren. Entscheidend sind Qualität, solide Bilanzen und Preissetzungsmacht – und eine breite Diversifikation, die auch jene Unternehmen einschliesst, deren langfristiger Unternehmenswert vom Markt derzeit unterschätzt wird.
Obligationen
Am Obligationenmarkt wird die teure Kapitalwelt besonders deutlich sichtbar. Die Renditen zehnjähriger US‑Staatsanleihen liegen mit rund 4.5% über dem Niveau von Ende 2025. Dahinter stehen eine hartnäckig hohe US‑Kerninflation und die Erwartung, dass die Leitzinsen nochmals angehoben und anschliessend über längere Zeit auf einem erhöhten Niveau gehalten werden. Parallel dazu wachsen die globalen Schuldenberge weiter: Die kumulierten Haushaltsdefizite in den USA und im Euroraum dürften bis 2030 nochmals deutlich zulegen. Der fiskalische Spielraum wird damit enger, und die Frage drängt sich auf, wie „sicher“ Staatsanleihen in Zukunft tatsächlich noch sind. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass hohe Schuldenquoten nicht automatisch in eine Staatspleite münden. Länder wie Japan oder Grossbritannien haben über Generationen hinweg mit Schuldenständen von deutlich über 100% des BIP gelebt, ohne ihre Zahlungsfähigkeit zu verlieren. In entwickelten Volkswirtschaften mit soliden Institutionen und eigener Währung werden Staatsanleihen deshalb weiterhin als vergleichsweise risikoarm wahrgenommen. Allerdings begrenzen hohe Schulden und die damit verbundenen Zinskosten den fiskalischen Handlungsspielraum spürbar: Mittel, die für Zinszahlungen aufgewendet werden müssen, fehlen für Bildung, Infrastruktur, Verteidigung oder die soziale Sicherung. In der teuren Kapitalwelt ist das Risiko weniger ein abruptes Ausfallereignis, sondern ein schleichender Verlust an Flexibilität und wachstumsfördernden Investitionen. Vor diesem Hintergrund reicht ein passives Buy‑and‑hold im Anleihebereich nicht mehr aus. Klassische Indizes gewichten die grössten Schuldner am höchsten – unabhängig von deren Qualität. Wer sich strikt an Benchmarks orientiert, trägt damit eine Konzentration auf hochverschuldete Emittenten und verzichtet auf die aktive Nutzung von Bewertungsunterschieden. Gefragt ist ein aktiver Ansatz, der Preis und Leistung in den Vordergrund stellt, die relativen Bewertungen der Segmente analysiert und Duration, Bonitätsklassen, Regionen und Risikoprämien bewusst steuert. Aus diesem Grund setzen wir auf sogenannte Multi‑ oder Unconstrained‑Anleihenlösungen, die das gesamte Spektrum des Anleihenmarktes nutzen dürfen. Wie die nachfolgende Entwicklung zeigt, konnte mit diesem aktiven Ansatz über die Zeit eine deutliche Outperformance gegenüber dem breiten Index erzielt werden.

Währungen
Bei den Währungen ist deutlich ersichtlich, wie die teure Kapitalwelt das Vertrauen in Leitwährungen und die Struktur der Währungsreserven verändert. Die USA haben 2025 netto 1’552 Mrd. USD an neuen Geldern von Nicht‑US‑Investoren in langfristige US‑Wertpapiere angezogen. Die starke Rolle des US‑Dollars beruht nicht nur auf der Grösse der US‑Wirtschaft und der Kapitalmärkte, sondern auch auf der Wahrnehmung als krisenfeste Anlage in einem politisch, institutionell und makroökonomisch stabilen Umfeld. Dieses Vertrauen hat unter Präsident Trump jedoch Risse bekommen – etwa durch den „Liberation Day“ mit abenteuerlichen Zolldrohungen und die Drohung, Grönland zu annektieren, inklusive der Andeutung von Waffengewalt gegenüber Verbündeten sowie dem Krieg mit dem Iran. Solche Episoden sind in einer teuren Kapitalwelt, in der hohe Schulden und Zinsen ohnehin das Vertrauen belasten, besonders kritisch. Parallel dazu hat sich die Struktur der weltweiten Währungsreserven der Notenbanken deutlich verschoben. Der Goldanteil an den Reserven ist von knapp 10% im Jahr 2015 auf rund 28% Ende 2025 gestiegen, während der US‑Dollar‑Anteil von 58% auf etwas mehr als 40% gefallen ist. Notenbanken reagieren damit auf die Kombination aus geopolitischer Unsicherheit, hoher Staatsverschuldung und der Sorge um die langfristige Stabilität einzelner Währungen. Gold wird als langfristiger Wertspeicher genutzt, um die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Für Anleger bedeutet dies, dass Währungsrisiken in der teuren Kapitalwelt nicht nur über Zinsdifferenzen, sondern zunehmend über politische Stabilität, Schulden und die Reservepolitik der Notenbanken definiert werden.
Alternative Anlagen
Bei Energie, Rohstoffen und Edelmetallen zeigt sich die teure Kapitalwelt besonders deutlich. Der Brent-Ölpreis ist nach einem markanten Anstieg bis knapp USD 120 im Frühjahr zuletzt deutlich gefallen und notiert mit rund 72 USD je Fass auf dem tiefsten Stand seit Ende Februar. Kurzfristig entlastet dies die Inflationsdynamik und reduziert den unmittelbaren Handlungsdruck der US-Notenbank. Gleichzeitig bleibt die Volatilität hoch: Der Energiepreisschock hat bereits sichtbar auf andere Preisbereiche durchgeschlagen. Auch Edelmetalle stehen im Spannungsfeld von Zins- und Inflationserwartungen. Der Goldpreis ist seit Anfang Juni um rund 10% gefallen, Silber sogar um über 20%. Die höheren Zinserwartungen in den USA und der stärkere Dollar belasten das gelbe Edelmetall. Dennoch behält Gold den Status als „ultimative Währung“ und langfristiger Stabilitätsanker. Geopolitische Unsicherheiten, steigende Staatsverschuldung und eine schwächere Wirtschaft bei moderat steigender Inflation machen Gold zu einem sinnvollen Baustein in einem diversifizierten Vermögen. Für Anleger bedeutet dies: Energie- und Rohstoffpreise bleiben zentrale Treiber der Inflations- und Zinsentwicklung, Edelmetalle sind sowohl Indikatoren für die Marktstimmung als auch Diversifikationsinstrumente. Eine selektive Beimischung von Gold und anderen realen Vermögenswerten kann helfen, Portfolios gegen unerwartete Inflations- und Zinsüberraschungen abzusichern, erfordert aber die Bereitschaft, mit erhöhter Volatilität zu leben. In der teuren Kapitalwelt sind Alternative Anlagen damit sowohl Chance als auch Herausforderung – sie bieten Diversifikation, sind aber eng mit den gleichen Zins-, Schulden- und Inflationskräften verknüpft, die das übrige Anlageuniversum prägen.
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