Momentum nutzen, Risiken steuern

Aktien
Eine Momentumstrategie setzt auf Aktien, die sich bereits in einem klaren Aufwärtstrend befinden. Statt vermeintlich günstige Titel zu kaufen und auf eine Erholung zu hoffen, werden Werte bevorzugt, die in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich gut gelaufen sind. Die zugrunde liegende Annahme: Kursstärke neigt dazu, sich zumindest über eine gewisse Zeit fortzusetzen. Entsprechend lautet das Prinzip nicht «buy low, sell high», sondern «buy and sell higher». In der Praxis wird das Momentum meist über die Wertentwicklung festgelegter Zeiträume gemessen. Titel mit der stärksten – oft risikoadjustierten – Performance, werden ausgewählt, schwächere Werte werden beim regelmässigen Rebalancing ersetzt. Dadurch ist die Strategie deutlich aktiver als einen klassischen «Buy-and-hold-Ansatz». Rückblickend hat sich Momentum als renditestarker Faktor erwiesen. Der globale Aktien-Momentum-Index, der die dynamischsten Aktien aus dem globalen Standardwerteuniversum bündelt, hat den breiten globalen Aktienindex seit Anfang 2006 klar übertroffen; der Renditevorsprung beläuft sich auf rund 337 Prozentpunkte, ein nicht unbedeutender Teil davon wurde auch seit 2024 erzielt.

Getrieben wurde diese Entwicklung zuletzt vor allem durch den Höhenflug von Technologie- und Halbleitertiteln im Zuge des KI-Booms, was zu einer ausgeprägten sektoralen und regionalen Konzentration – insbesondere in Richtung USA – geführt hat. Diese Fokussierung ist Chance und Risiko zugleich. Solange der zugrundeliegende Trend intakt ist, kann eine Momentumstrategie deutliche Mehrerträge generieren. Dreht das Sentiment in den dominierenden Segmenten, drohen hingegen spürbare Rückschläge. In unserem aktiven Portfoliomanagement verwenden wir den Faktor Momentum einerseits als einen von mehreren Kriterien bei der Aktienauswahl und andererseits halten wir eine Satellitenposition in einem Momentum-Indexfonds (ETF), der – wie oben dargestellt –zu überzeugen wusste.

Obligationen
Die jüngste Hausse der Momentumtitel im Aktienbereich hat eine weniger beachtete Kehrseite im Kreditmarkt. Viele der grossen Profiteure des KI-Booms – darunter Amazon, Alphabet, Microsoft und insbesondere Oracle – weisen inzwischen deutlich höhere Aufschläge bei ihren Credit Default Swaps (CDS) auf. Die Absicherung gegen einen Ausfall dieser Emittenten kostet heute zwischen 50 -75 Basispunkten, bei Oracle sogar nahezu 200 Basispunkte. Damit liegen die Kosten so hoch wie seit Jahren nicht mehr und deutlich über dem Niveau von z.B. Mitte 2025, als die CDS noch zwischen 20 und 30 bzw. bei 37 Basispunkten (Oracle) notierten. Parallel dazu ist das ausstehende Netto-Volumen an CDS auf diese Unternehmen stark angestiegen. Getrieben wird dies weniger von einer abrupt verschlechterten Bonität als von der Art der Finanzierung des KI-Investitionszyklus: Die Hyperscaler haben ihre AI-bezogenen Investitionen massiv erhöht. Einen wachsenden Teil finanzieren sie nicht mehr aus laufenden Cashflows, sondern über rekordhohe Anleiheemissionen. Oracle zeigt exemplarisch, was passieren kann, wenn hohe Erwartungen nicht erfüllt werden. Während die CDS-Spreads des Unternehmens deutlich über jenen anderer grosser Tech-Emittenten liegen, hat die Aktie in den vergangenen 12 Monaten einen Rückschlag von mehr als 60% erlitten. Der Markt preist damit nicht nur das höhere Finanzierungs- und Projektrisiko ein, sondern auch die Gefahr, dass die ambitionierten Renditeerwartungen an die AI-Investitionen verfehlt werden. Für den Bondmarkt bedeutet dies eine Zweiteilung: Solange die KI-Story trägt, bleiben diese Emittenten gefragt. Gleichzeitig verlangen Investoren für das konzentrierte KI- und Momentumrisiko eine höhere Prämie. Werden die hohen Wachstums- und Margenerwartungen enttäuscht, droht eine gleichzeitige Korrektur an Aktien- und Kreditmärkten – mit überproportionalen Auswirkungen auf jene Namen, die heute sowohl bei den Kursgewinnen als auch bei den CDS-Spreads an der Spitze stehen.

Alternative Anlagen
Je stärker sich die Risiken an den Aktien- und Anleihenmärkten überlappen – etwa durch die hohe Konzentration auf wenige KI- und Technologiewerte – desto wichtiger wird eine echte Diversifikation in Anlageklassen, die möglichst wenig mit diesen Risikofaktoren zusammenhängen. Neben Instrumenten wie Microfinance oder Cat-Bonds – zwei unserer Kernanlagen im Bereich der alternativen Anlagen – setzen wir seit vielen Jahren eine Momentumstrategie als Satellitenanlage ein. Dabei wird systematisch zwischen Anlagen – wie z.B. Gold, Commodities, Listed Private Equity oder Immobilien – umgeschichtet. Ziel der Strategie ist es, über die Zeit eine Zusatzrendite zum Geldmarkt zu erzielen. Gleichzeitig ist es gelungen, den globalen Aktienindex zu übertreffen, bei ähnlichem Risiko.

Wie jede Momentumstrategie ist sie jedoch nicht frei von kurzfristigen Rückschlägen: Dreht der Kursverlauf rasch, kann es – wie zuletzt bei Goldanlagen – zu vorübergehenden Verlusten kommen, bevor sich der Trend erneut stabilisiert. Aktuell hat das Modell ein Kaufsignal für Commodities (ex Agriculture) generiert, weshalb wir in diesem Segment eine Position aufgebaut haben. Auf Investitionen in Agrarrohstoffe verzichten wir bewusst. Zum einen können spekulative Engagements in Grundnahrungsmitteln Preisspitzen verstärken und damit die Versorgungssicherheit in ärmeren Ländern zusätzlich belasten. Zum anderen stehen Wetten auf steigende Nahrungsmittelpreise im Spannungsfeld zu unseren verantwortungsethischen Grundsätzen, da sie potenziell auf Kosten derjenigen gehen, die einen grossen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen. Schliesslich sind Agrarmärkte stark von Wetterextremen, politischen Eingriffen und Subventionen geprägt, was die Preisdynamik schwer kalkulierbar macht und den Mehrwert einer solchen Anlageklasse aus unserer Sicht zusätzlich in Frage stellt.

Währungen
Der japanische Yen (JPY) weist weiterhin ein ausgeprägt negatives Momentum auf. Handelsgewichtet hat er in den letzten 6 Jahren rund 35% an Wert eingebüsst. Gegenüber dem US Dollar (USD) notiert der JPY sogar auf dem tiefsten Niveau seit rund drei Jahrzehnten. Die umfangreichen Anleihekäufe der Bank of Japan begrenzen den Anstieg der Renditen und halten die Zinsdifferenz zu den USA und Europa hoch. Dies dämpft das Interesse ausländischer Investoren und verstärkt den Abwertungsdruck auf die Währung.

Vor diesem Hintergrund sichern wir unsere JPY-Exponierungen in Portfolios mit den Referenzwährungen CHF, EUR und USD weitgehend ab. Solange die Kombination aus hoher Staatsverschuldung, Renditebegrenzung und grosser Zinsdifferenz bestehen bleibt, sehen wir wenig Anlass, uns gegen den bestehenden Abwärtstrend des JPY zu positionieren.

Konjunktur
In den USA bleibt das Wachstum bislang robust, getragen von soliden Unternehmensgewinnen und anhaltend hoher Investitionstätigkeit im Zusammenhang mit dem KI- und Infrastrukturboom. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass die geldpolitische Straffung und das höhere Zinsniveau zunehmend Spuren hinterlassen: Die Kerninflation verharrt über dem Ziel, während höhere Ölpreise das Risiko einer erneuten Inflationswelle bergen. Vor diesem Hintergrund dürfte die US-Notenbank um weitere Zinserhöhungen kaum herumkommen, was die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen – insbesondere im stark verschuldeten KI-Sektor – anspruchsvoll hält.

In Europa zeigt sich ein deutlich verhalteneres Bild. Das Wachstum bleibt moderat, die Industrie leidet unter schwacher globaler Nachfrage und strukturellen Standortnachteilen, während der Dienstleistungssektor für etwas Stabilität sorgt. Die Inflation ist zwar deutlicher zurückgekommen als in den USA, liegt aber noch über dem EZB-Ziel, sodass eine moderate Straffung der Geldpolitik angezeigt scheint. Insgesamt bleibt das globale Konjunkturumfeld damit zweigeteilt: Die USA wachsen weiter über Potenzial, allerdings mit zunehmenden Spätzyklus-Risiken, während Europa in einer fragilen Erholungsphase steckt und stark von der Entwicklung von Energiepreisen und Welthandel abhängt.


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